Berner Sennenhunde in Not

Rumänien - ein Land im Zeichen des Widerstandes gegen die Korruption

Ein Beitrag von Petra Zipp, Tasso e.V.

Die rumänischen Bürger erstaunen momentan die Welt und setzen Zeichen für Demokratie. Die Ankündigung der rumänischen Regierung, Korruptionsfälle nur noch strafrechtlich verfolgen zu wollen, wenn sie einen Schaden von mehr als 45.000 Euro verursacht haben und bereits verurteilte Straftäter mit Haftstrafen bis zu 5 Jahren zu amnestieren, treibt Hunderttausende auf die Straße. Nach tagelangen Protesten wird das umstrittene Dekret zwar zurückgenommen, aber die Menschen demonstrieren weiter für eine Erneuerung ihrer Gesellschaft und gegen korrupte Politiker.

Was hat dies eigentlich mit dem Leid der Straßenhunde in Rumänien zu tun? Sehr viel! Am Hundeeinfangen und –töten verdient seit Jahrzehnten eine sogenannte Hundefängermafia, in die alle verstrickt sind. Mit einer Amnestie wären die illegalen Machenschaften aller Bürgermeister und anderer öffentlicher Personen in diesem Bereich sanktioniert und das Geschäft mit dem Leid der Hunde für alle Zeiten lukrativ geblieben.

In dieser aufregenden Zeit lande ich in Siebenbürgen, begleitet von meinem Kollegen Marin Bleidner von TASSO und Undine Hildebrandt, einer ehrenamtlich Aktiven im Rumänientierschutz. Wir wollen Tierheime besuchen und uns aktuell einen Überblick über die Situation verschiedener Projekte verschaffen, um Hilfe besser koordinieren zu können.

Im Tierheim von Targu Mures

In Targu Mures besuchen wir zwei kleine private Hundeheime, ein kleines Katzenhaus und das städtische Tierheim, das schon seit mehreren Jahren von TASSO unterstützt wird. Emilia, die Tierheimleiterin, und Bogdan, der Tierarzt, haben ein Herz für Hunde und das sieht man im gerade von der Stadt verbesserten Tierheim. Eine Quarantäne mit 4 Boxen ist entstanden, die Hütten darin wurden von deutschen Spendern bezahlt, Lichtstreifen im ehemals völlig düsteren Zwingertrakt machen die Anlage heller und luftiger. Ein Erweiterungsbau ersetzt alte Käfige und einen Schuppen. Alles ist sauber und ordentlich, die Hunde im Rahmen der Möglichkeiten gut versorgt. Allerdings gibt es keine beheizten Räumlichkeiten für die Hunde, die unter der extremen Kälte im Winter sehr leiden. In der kleinen Tierklinik wird kastriert und behandelt. Aber auch hier gibt es Wermutstropfen, tiermedizinisches Material und Futter kommt nur schleppend. Deutsche Spenden sind daher dringend als Ergänzung erforderlich. Letztes Jahr wurden ca. 500 Hunde aufgenommen, 200 davon schon im Land vermittelt und dieselbe Anzahl mit unserer Hilfe nach Deutschland geholt. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an das Tierheim Rüsselsheim, das u.a. immer mit offenem Herzen hilft. Dies ist auch ein schlichtes Rechenexemple für die Gegner des Transfers von rumänischen Hunden nach Deutschland: Das Tierheim hat eine Kapazität von ca. 120 Hunden. Gäbe es die Vermittlung nach Deutschland nicht, wäre Targu Mures aus Kapazitätsgründen kein NO-Kill Shelter mehr. Um die Tötung von Tieren zu vermeiden, muss 1. die Adoptionskultur vor Ort weiter gefördert werden, aber 2. auch die Verlegung von Tieren in Tierheime in Deutschland stattfinden. Glücklicherweise gibt es in Targu Mures kein auf Stückzahlen gerichtetes Hundefängergeschäft. Mitarbeiter des Tierheimes fahren bei Meldungen los und bergen die Tiere. Viele der Hunde im Tierheim wurden von ihren Besitzern dort abgegeben. Dies auch einmal zur Information der vielen schlauen Menschen, die immer von nicht sozialisierbaren Straßenhunden reden. Dies ist ein Ammenmärchen. Und ich möchte mal böse behaupten: Gäbe es in Deutschland nicht so viele Tierheime, hätten wir wohl auch wieder Straßenhunde. Und ist der Zustand der Tiere in Tierheimen wie Targu Mures gut, können sie auch vor Ort vermittelt werden. Aber es dürfen nicht mehr werden! Hier ist länderübergreifende Zusammenarbeit nötig und funktioniert.

Übrigens vermitteln die 2 privaten Hundeheime in Targu Mures überwiegend nach England, nur das Katzenheim von Ramona Rusu konzentriert sich auf Kastrationsaktionen und vermittelt vor Ort.

Das private Tierheim von Lidia Meier

Unser Weg führt uns weiter nach Reghin. Dort liegen das private Tierheim von Lidia Maier und das städtische direkt nebeneinander. Seit ca. 10 Jahren unterstützt die Österreicherin Marion Löcker mit ihrem Verein www.robinhood-tierschutz.at sowohl Lidia Maier als auch in Abstimmung mit der Stadtverwaltung das städtische Tierheim. Lidia Maier ist 82 Jahre alt und lebt für ihre Hunde. Die alte Dame gibt ca. 200 ehemaligen Streunerhunden ein Zuhause. Das Tierheim ist für seine ärmlichen Verhältnisse gut und liebevoll geführt und sauber. Das städtische Tierheim nebenan beherbergt auch ca. 200 Hunde in sehr kleinen Zwingern. Da ständig neue Tiere kommen, die Vermittlungsraten in Reghin noch nicht sehr hoch sind, müssen hier dringend Hunde nach Deutschland, um die überfüllten Zwinger zu entlasten. Bei unserem Besuch stach uns eine alte Boxerhündin besonders ins Auge. Attila, der Tierarzt, schimpfte auf die Besitzer „abgeschoben, um im Tierheim zu sterben“. Die verträgliche Hündin war kreuzunglücklich und fror sichtlich bei den Minusgraden. Dank dem Tierheim Rüsselsheim sitzt sie jetzt hier in einem warmen geheizten Zwinger mit liebevoller Betreuung und wartet auf einen Rentnerplatz bei Boxerfreunden. Lidia Maier ist glücklich über die deutsche Hilfe und bittet die deutschen Tierfreunde, doch noch mehr Hunden aus ihrem Heim ein neues Zuhause zu geben. Marion Löcker hat zwar schon verschiedene neue Gruppenzwinger gebaut und wird weiter die Tierheimstruktur verbessern, aber die Zahl der Hunde ist zu hoch für das Tierheim. Kastrationskampagnen in Abstimmung mit der Stadtverwaltung sollen das Übel an der Wurzel packen und den Zustrom ins Tierheim stoppen. Dieses Jahr nimmt Marion Löcker die kleinen Dörfer um Reghin herum in den Fokus. Dort sind die meisten Straßenhunde zu finden. So arbeitet der Tierschutz über Ländergrenzen Hand in Hand, um den Hunden zu helfen.

Nach diesen doch recht positiven Beispielen für funktionierenden Tierschutz schauen wir uns noch ein Tierheim im Kreis Cluj an, dass von einer Tierklinik betrieben wird. Es erwartet uns eine gut ausgestattete große Klinik mit Kastrationsräumlichkeiten und einer Zwingeranlage für Besitzerhunde, deren Halter ihre Tiere privat nicht mehr halten können, aber gegen Obulus hier in Pflege geben können. Im Gespräch erzählt uns der Tierarzt, dass er aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen sei, mit einer großen Zahl von Gemeinden Verträge für das Hundemanagement zu unterhalten. Er betreibt weiter hinten auf dem landwirtschaftlichen Gelände noch die städtische Hundeanlage mit einer Kapazität für bis zu 200 Hunde. Beiläufig erfahren wir, dass alle 14 Tage eingeschläfert werden muss, da zu viele Tiere kommen. 2016 waren es über 1880 Hunde, im Januar 2017 auch schon über 100. Er hatte früher Kontakte nach Schweden und England, die ihm aber teilweise weggebrochen sind. So stagniert seine Hundeabnahme. Lediglich kleine Hunde kann er gut vermitteln. Auffällig sind die vielen Rassehunde, Neufundländer, Husky, deutscher Schäferhund, Malinois, Chowchow, Jagdterrier etc. Dies stützt wieder die These, dass die Mehrzahl der Hunde in rumänischen Tierheimen ehemalige Besitzertiere sind. Wir sind schockiert. Nicht schon wieder „Schindlers Liste“ – ich habe zu viele Hunde in Brasov sterben sehen und musste aussuchen, Du lebst und Du nicht………Bei unserem Besuch legen wir den Finger auf jeden freundlichen Hund und bitten, diese Tiere für Deutschland vorzubereiten. Morgen werden dann schon wieder Neue kommen, die sterben müssen…..grauenvoll.

Wir überlegen Alternativen für diese Praxis, weil der Tierarzt selbst recht unglücklich erscheint. Er würde lieber Tiere kastrieren und für die Adoption vorbereiten, erzählt er uns. Und dann sofort Verträge mit den weiter entfernten Kommunen kündigen. Er hat Räumlichkeiten genug, um auch kranke Tiere aufzunehmen, gesundzupflegen und ausreisefertig zu machen. Wir werden alle Möglichkeiten prüfen und den Kontakt vertiefen. Ein Teil der Tiere ist nun jedenfalls erst mal sicher. Bedrückt fahren wir weiter.

Zum Abschluß unserer Reise treffen wir noch den Tierrechtler Claudiu Dumitriu, der zur Zeit jede Möglichkeit nutzt, gegen die Lockerung der Antikorruptionsgesetze zu protestieren. Diese Entwicklung gibt einem etwas Mut, dass man in Rumänien langfristig vor Ort doch noch Tierschutz etablieren kann. Jetzt helfen wir erst mal liebenswerten Geschöpfen in eine neue Zukunft in Deutschland bei Tierfreunden, denen es egal ist, wo ihr neuer Hausgenosse geboren wurde.

Petra Zipp (TASSO e.V.), 6.2.2017

Alle Bilder Petra Zipp Tasso e.V